Laudatio (gekürzt) von Dr. Lübbert R. Haneborger (Kunsthistoriker und Autor)


… Lassen Sie gedanklich alles stehen und liegen und reisen Sie einfach für einen Moment mit mir zurück in meine Vergangenheit – und in den frühen September des Jahres 1989. Verlieren Sie keine Gedanken darüber, wie lange das schon wieder her ist und was Sie in all der Zeit erlebt, getan oder versäumt haben. Wir konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt. Heute wie damals.
Von unserem Quartier an den Sussex Gardens sind es nur ein paar Minuten hinüber zum Hyde Park, der grünen Lunge der englischen Metropole London. Es ist ungewöhnlich warm und sommerlich für englische Verhältnisse und die Klimasorgen stecken noch in den Kinderschuhen. Und auf unserer kleinen Entdeckungstour – Sie müssen sich vorstellen, es gibt noch kein Smartphone und kein Internet – stehen wir wenig später ganz unverhofft vor einem kleinen Ausstellungsgebäude, der Serpentine South Gallery, und sehen dort ein Plakat, das uns magisch anzieht. Denn der Name des angepriesenen Künstlers ist weltbekannt und der Eintritt, Sie können Ihren Augen ruhig trauen, ist kostenfrei! So stehe ich dann wenig später mit Ihnen in einer Ausstellung, die mich in meinen jungen Jahren tief beeindruckt:
Ihr Titel lautete: „Success is a Job in New York: The Early Art and Business of Andy Warhol“. Diese kleine Schau versammelt Warhols frühe Arbeiten – seine grafischen Illustrationen für Magazine wie „Glamour“, Buchumschläge, Plattencover, Stoffdesigns und Werbegrafiken. Es war die erste Präsentation seines produktiven Schaffens als Werbegrafiker in Großbritannien überhaupt – und ich war zufällig dabei.
Man sah dort einen jungen Warhol – lange bevor er zur Pop-Ikone wurde. Einen Warhol, der experimentierte, Materialien, Texturen, Techniken ausprobierte und bereits mit Wiederholungen und Serien arbeitete – einen Gestalter, der das Handwerk der kommerziellen Grafik virtuos beherrschte und daraus, Ende der 1950er Jahre und später, Weltkunst machten sollte. Dieser Moment, dieser Blick auf Warhols grafische Wurzeln, begleitet mich seitdem neben vielem anderen – und er führt mich direkt zurück in die Gegenwart und zu dem Künstler, dessen Werk wir … betrachten, … auch wenn Dieter Stade etwas auszeichnet, liebe Kunstfreunde, dass ihn von Warhol gänzlich unterscheidet, nämlich seine völlig unbegründete Bescheidenheit.

Was ihn mit Warhol verbindet, ist dagegen eine ganze Menge, auch wenn er andere Bildmotive wählt, anderen Bildideen folgt und eine grundsätzlich andere Technik bevorzugt. Warhol fixierte sich nämlich bald gänzlich auf ikonische Momente, Gegenstände und Gesichter der Medien- und Massenkultur, er befragte die Realität und Trivialität der Alltagskultur und den Konsum der Bilder, indem er mit dem Siebdruck-Verfahren eine Technik zum Einsatz brachte, die selbst schon ein Motor der medialen Reproduzierbarkeit der 60er und 70er Jahre war. Dieter Stade dagegen malt händisch, sein Vorgehen ist spielerischer, auch wenn er – wie Warhol – Vor-Bilder der Medien- und der Kunstwelt aufgreift, weiterentwickelt und neu interpretiert.
Ihre größte Gemeinsamkeit ist aber etwas viel Grundsätzlicheres: Viele der größten Künstler des 20. Jahrhunderts – vor allem anglo-amerikanische unter ihnen – hatten ihre Wurzeln in der Grafik und im Design. Andy Warhol, James Rosenquist, Jenny Holzer, Ed Ruscha oder Keith Haring – sie alle begannen als Grafiker, Designer, Werbegestalter. Und all diese Berufe schärfen den Blick: für Komposition, für Typografie, Farben, Flächen, Medien und ihre Wirkung. Sie trainieren das Auge für das, was funktioniert, was spricht, was ins Auge springt. Und in dieser Tradition steht auch Dieter Stade.
Er ist ein Künstler, der aus der Grafik kommt. Ein kreativer Macher und künstlerischer Allrounder, ein Praktiker, ein visuell geschulter Kopf. Und genau daraus – aus dieser handwerklichen Schule der Gestaltung – erwuchs seine Malerei. Das macht ihn zu einem Bindeglied zwischen zwei Welten:
der klaren, strukturierten Sprache der Grafik und der freien, spielerischen Sprache der Kunst. Und mit seinen „Sparkling Dots“, also „funkelnden Punkten“, nimmt er eine besondere Position ein.
… Seit zehn, wenn nicht fünfzehn Jahren aber malt er intensiv – er malt eigentlich schon immer –, denn das Malen gehört zu ihm wie das Atmen. Parallel zu seiner künstlerischen Tätigkeit war er ursprünglich Grafiker … Bis heute übt er den Beruf noch gerne aus, auch wenn sich das Berufsbild über die Jahre gehörig verändert hat: vom Handwerklichen zum Bauen und Pixel-Schubsen hinter dem Computerbildschirm. Das ist sicher mit ein Grund dafür, dass der Wunsch nach handwerklichem Handeln ihn zurück zur Malerei führte. …

In Technik, Stil und Arbeitsweise zeigt sich Dieter Stade dagegen losgelöst, als Meister vieler Formen: Als Grafiker hat er eine breite Ausbildung, beherrscht Lithographie und Radierung, hat früher fotografiert, sogar Teppiche geknüpft – er bringt all dieses Know-how strukturell in seine heutige Malerei ein. Seine Gemälde entstehen mit großer Sorgfalt: Er verwendet Acryl­farben auf Holzuntergrund oder Spanplatten, meist im Format 70 × 100 cm. Dabei baut er seine Werke bewusst auf – mit Vorzeichnung, mehrfachem Grundieren (manchmal sogar schwarz), mehreren Farbschichten, mitunter bis zu sechs Lagen Farbe. Damit geht es ihm, wie einem der Patres, der Väter, der modernen Kunst, wie Georges Seurat, der das Tafelbild aus vielfarbigen Punkten organisierte um das flirrende Licht der Landschaft einzufangen. Wohlgemerkt, Dieter Stade verwendet dessen Stil, löst sich aber von dessen chromatischem Konzept und Schematismus. Wie Seurat setzt Stade in seinem pointillistischen Stil aber winzige Punkte mit dem Pinsel oder dem Acrylmarker, filigran – manchmal so fein, dass manche Betrachter scherzhaft sagen, sie fühlten sich wie beim Augenarzt, wenn sie seine Werke betrachten. Aber sie müssen nur ein Stück zurücktreten, um das Bild zu lesen, gewinnen aber aus der Nähe zugleich eine enorme Dichte und Lebendigkeit.
Seine Farbwahl ist bewusst, oft dominant mit Leuchtfarben, die mehr strahlen –eine Anlehnung an die Plakatkunst, bei der Farbe Wirkung hat, wenn sie leuchtet. Ich musste an den Schweizer Realisten Franz Gertsch denken, der in den frühen 1970er Jahren seine berühmten foto-realistischen Großgemälde – im Licht seines Diaprojektors malte – und seinen Farben dabei fluoreszierende Stoffe beimengte. Gertsch ging es darum, das Leben in seinen Gesellschaftsszenen und Porträts festzuhalten, als aufgeladenen Momente des Lebens, und diese beinahe krampfhaft zu bannen, wofür biografische Erfahrungen eine wichtige Rolle spielten.
Dieter Stade dagegen geht über das Realistische weit hinaus, er feiert das Leben, überzeichnet es. Dennoch bleibt er gegenständlich in seinen Darstellungen und er kommentierte seine Werke selbst mit den Worten: „Die Realität ist nicht das Ziel, sondern Inspiration für meine Arbeiten. Bei den in den letzten Jahren entstandenen Bildern steht meist der Mensch im Mittelpunkt. Hierbei möchte ich die vielschichtigen Facetten des Lebens hervorheben und festhalten. Die Faszination liegt in dem Sein oder dem, was sein könnte.“

Dafür plant er seine Motive früh und arbeitet seriell: Variation, Fantasie, collageartiges Assemblieren seiner Bildmotive – Motive aus unterschiedlichen Kontexten, die aufeinanderstoßen, manchmal unvermittelt, bewusst gegen das zentralperspektivische Gefüge. Ein wiederkehrendes Merkmal sind die Figuren mit blau umrandeten Augen. Sie wirken fast geschminkt, erinnern an Werbegesichter, an die überzeichneten, strahlenden Ikonen der 1980 und ’90er Jahre – und doch haben sie eine eigene Emotionalität: Sind seine Figuren traurig? Wach? Überrascht? Durch diese Augen wirken manche Gesichter wie im Moment eingefroren – und gleichzeitig sind sie wie Fenster zu einer inneren Welt. Es ist ein klarer Fingerabdruck seines Stils. Ein Alleinstellungsmerkmal, das sein Werk sofort wiedererkennbar macht.
Eine inhaltliche Tiefe verbindet in jedem Fall die Bildreihen: Stade arbeitet in thematischen Serien, die wie Kapitel eines größeren erzählerischen Universums wirken: „Chups Mich!“, als witziges Wortspiel auf die spanische Süsswaren-Marke „Chupa Chups“, „Fisherman’s“ (und beinahe hätte ich gesagt „Fisherman’s … Friends“ und man sieht, wie sehr uns die Medien und Marken geprägt haben in den letzten Jahrzehnten), „Prima Klima“ oder „Vier Jahreszeiten“ sind Titel, die Neugier wecken – und sofort ins Bild setzen.
Jede dieser Reihen erzählt eine eigene Geschichte, eine eigene Stimmung, mit unterschiedlichen Figuren, Farben und Atmosphären. Sein Ansatz wirkt nicht zufällig fragmentarisch, sondern sehr bewusst: Es ist, als baue er mit jeder Serie eine kleine Welt.
„Rumble in the Jungle“, der berühmte Boxkampf mit Muhammad Ali und George Foreman in Kinshasa 1974, „Vive la Evolution (Affe vs. Barbiepuppe)“ – in diesen Bildern verwebt er Humor, Ernst, Gesellschaftskritik, Reflexion. Sein Sinn für das Zeitgenössische ist offensichtlich: Klimawandel, Konsum und Reklame, Identität und Inszenierung in medialen Parallelwelten, Popkultur und Exotik.
Zu den exotischen Schönheiten in der „Fisherman’s“-Serie schreibt der Künstler selbst: „Eine Motivserie mit satten Farben. Lasst uns eine Flucht in die Ferne machen und das wohltuende Licht genießen. Exotik ist ein vermeintliches Paradies. Aber die Suche nach Schönheit endet nie.“ Kosmopolitisch und weltoffen kommen die Protagonisten seiner Bilder daher, aber die Gesichts-farben spielen auch eine wichtige gestalterische Rolle, insbesondere bei den „People of Color“ fällt ins Gewicht, das ihr Teint, die Leuchtkraft der Hintergründe noch einmal enorm steigert.
Die „Chups mich“-Serie umfasst Porträts von Prominenten – wie Udo Lindenberg, Rudolph Moshammer oder Karl Lagerfeld – und daneben frei erfundene Figuren und Charaktere, die man fast als Avatare unserer sozialen Medien verstehen könnte. Diese Kombination aus Gegenständlichkeit und zeitgenössischer Erzählung macht seinen Stil eigen: kenntlich und doch überraschend. „Als Produkt verwende ich bei diesen Testimonials“, sagt Dieter Stade, „die bekannten Lollis und die Verwendung des angeschnittenen Logos ist auch eine Hommage an Salvador Dali, der das Markenzeichen entworfen hat.
Es gibt aber auch historische Anklänge – etwa mit Bezügen zur Kunst früherer Jahrhunderte, was sich sogar im Bilder-Rahmen spiegelt, den er verwendet: Er umleistet seine Malereien – wie einst – mit schmalen Holzlatten. Es entsteht ein ästhetisches Spiel, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet, das Exotik mit Vertrautem versöhnt.
Er lässt sich inspirieren von großen Namen: Warhol natürlich, aber auch Frida Kahlo, Marc Chagall, den er verehrt, Dalí, die allegorischen Darstellungen der Renaissance, Arcimboldo oder Hieronymus Bosch. Außerdem meine ich Einflüsse zu erkennen von Toulouse-Lautrec, den Fauvisten, wie André Derain oder Henri Matisse, insbesondere in ihrer Farbigkeit und Bildstruktur, oder von Howard Kanovitz, der seine Figuren ähnlich vom Hintergrund freistellt. Diese Vielfalt spiegelt sich in seinem Werk – aber Dieter Stade lässt sich davon nur anregen, er bleibt ein eigenständiger Denker und Gestalter, der die Elemente seiner Inspiration in sein ganz eigenes Universum überführt. …
Was Dieter Stade besonders liebenswert macht, ist seine Lebensfreude, sein Humor, sein Optimismus. Die Kunst ist für ihn mehr ein Spielplatz denn ein Thron. Und genau diese Freiheit spiegelt sich in seiner Kunst: Er arbeitet täglich acht bis zehn Stunden, schafft hierdurch dennoch nur acht bis zehn Bilder pro Jahr – bewusst, nicht getrieben, mit Respekt vor dem Prozess.
Als der Liebhaber von Museen vor vielen Jahren einmal das Centre Pompidou in Paris besuchte, kaufte er nicht einen der angebotenen Warhol-Drucke – sondern eine Plastik, ein Original. Denn er schätzt Authentizität: Pinselstriche, Materialität, das Echte – ganz wie ich damals in London vor Warhols Frühwerk.
Über die Jahre und Jahrzehnte wurde mir dabei klar: Wie sehr die Grafik Künstler hervorbringt, die Bilder neu denken, Medien neu lesen, Wahrnehmung neu formen und das Alltägliche hinterfragen. Dieter Stade steht genau in dieser Linie und ist ein Mensch, der die visuelle Sprache unserer Zeit versteht.
Er ist ein Künstler, der Handwerk, Grafik und Malerei zusammenbringt. Seine Werke strahlen, sie sprechen, sie berühren, sie zeigen des Lebens bunteste Farben. Sie zeugen zugleich von Struktur, Disziplin und technischer Finesse – und gleichzeitig von Lebensfreude, Humor und Leuchtkraft. Dieter Stade ist tief verwurzelter Realist und Träumer in einem: ein Mann, der mit kleinen Punkten Welten erschafft, mit kräftigen Farben Schatten und Licht in Szene setzt und mit blau umrandeten Augen den Übergang des Alltäglichen in das Poetische markiert.
… Kunst … war nie dazu da, einfach zu sein und uns zu beruhigen. Sondern dafür: uns Fragen zu stellen, uns anzuregen und uns zu bewegen. …

Dr. Lübbert R. Haneborger
Kunsthistoriker und Autor,
Laudatio (gekürzt), 04.12.2025, 
Sparkasse Norden 
(Sparkasse Aurich-Norden)